Handlungsempfehlungen

Handlungsempfehlungen zur Medienarbeit mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen.

Ergebnisse des Expert*innenworkshop der GMK am 24.10.2016 in Berlin

Zur Unterstützung von Integration, Bildung und Teilhabe sind deutschlandweit zahlreiche Initiativen und Projekte zur Medienarbeit mit Geflüchteten entstanden. Vor diesem Hintergrund veranstaltete die Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur e.V. (GMK) am 24.10.2016 in Berlin einen Expert*innenworkshop, der Modelle der pädagogischen Medienarbeit mit Geflüchteten vorstellte, deren Potenziale für den Integrationsprozess diskutierte und Handlungsempfehlungen entwickelte. Der vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) geförderte Workshop versteht sich als Vorbereitung des Sonderthemas „Medienpädagogik zur Förderung und Beteiligung Geflüchteter“ des 33. GMK-Forums Kommunikationskultur am 20. November in Cottbus. Hier werden die Handlungsempfehlungen vorgestellt, weiterentwickelt und weiterverbreitet, so dass die hier vorliegenden Handlungsempfehlungen im Nachgang des Forums aktualisiert werden.

Am Workshop waren Vertreter*innen von 24 Projekten aus dem ganzen Bundesgebiet beteiligt. Sie lieferten Antworten auf folgende Fragen:

  • Wie können Geflüchtete mit medienpädagogischen Projekten in ihrem neuen Alltag, in der Aneignung von Sprache und Kultur, in ihrem Selbstausdruck und ihrer Teilhabe unterstützt werden?
  • Welche Methoden eignen sich, um Neuankömmlinge mit der einheimischen Bevölkerung in kreativen und kommunikativen Austausch zu bringen?
  • Und wie können Good-Practice-Modelle in die Breite gebracht und weiterentwickelt werden?

Die Expert*innen waren sich einig, dass die medienpädagogische Arbeit einen wichtigen Beitrag zur Integration und Inklusion Geflüchteter leisten kann und dass die GMK hierbei auf der Grundlage ihrer Vernetzung  in Wissenschaft und Praxis eine koordinierende Funktion einnehmen soll. Zudem wiesen sie darauf hin, dass die Medienarbeit mit Geflüchteten nicht losgelöst von der Diskussion um professionelle kultursensible und inklusive Medienarbeit betrachtet werden kann.

Besonders in fünf Bereichen sehen die Expert*innen Handlungsbedarf und entwickelten entsprechende Handlungsempfehlungen:

1. Vielfalt an kultursensiblen Themen und Methoden integrieren

a) Kultursensibel arbeiten, interkulturelle Zusammenarbeit fördern

  • Es hat sich bewährt, Medienarbeit mit Geflüchteten kultursensibel zu gestalten. Dies bedeutet, die kulturellen Voraussetzungen aller Teilnehmenden als Ressource in die Angebote einzubeziehen, an kulturelle Unterschiede sowie Ähnlichkeiten anzuknüpfen und den Austausch sowie die Zusammenarbeit von Menschen unterschiedlicher kultureller Herkunft zu gestalten.
  • Im Sinne des Gesellschaftskonzeptes der Inklusion sind auch die einheimische Bevölkerung sowie Migrant*innen der 2. und 3. Generation zu berücksichtigen. Gemeinsame Projekte von Heranwachsenden mit und ohne Fluchterfahrung sollten vermehrt realisiert werden, um das Verständnis füreinander zu fördern und voneinander zu lernen.
  • Neben Themen der Alltagsorientierung und des Selbstausdrucks sind auch intersektionale Themen aus den Bereichen Gender, Race oder Religion bedeutsam.

b) Erwerb deutscher Sprachkenntnisse und Medienkritik

  • Wichtig sind zudem Projekte, die die Reflexion des eigenen Medienverhaltens anregen oder in denen Geflüchtete sowie Einheimische Medieninhalte kritisch hinterfragen (z.B. die Darstellung Geflüchteter oder generell von Migrant*innen in den Medien) oder die einen kritischen Umgang mit salafistischer/ islamistischer Propaganda unterstützen.
  • Medienpädagogische Arbeit unterstützt – oftmals en passant – den Erwerb und den Ausbau deutscher Sprachkenntnisse von geflüchteten Heranwachsenden. Entsprechende Methoden sind zu fördern.

c) Datenschutz, Persönlichkeitsrechte

  • Eine besondere Sensibilität erfordern die Themen Datenschutz und Urheberrecht. Hier sind pädagogische Formate und technische Möglichkeiten auszuwerten und zu verbreiten, die eine wertschätzende Arbeit auch ohne Namensnennung etc. ermöglichen.
  • Gleiches gilt für die vielfältigen Methoden, die es ermöglichen, Foto- und Videoprojekte so zu realisieren, dass der besondere Schutz der Persönlichkeit, wie er z.B. für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge gilt, nicht gefährdet ist. Solche Methoden gilt es weiterzuverbreiten.

d) Methodenvielfalt, technische Grundlagen, aufsuchende Angebote

  • In der Medienarbeit mit Geflüchteten kommt insgesamt eine große Spannbreite medienpädagogischer Methoden zum Einsatz. Dabei können die Akteure an die vielfältigen Erfahrungen der medienpädagogischen Zusammenarbeit mit Personen mit Migrationshintergrund anknüpfen.
  • Neben der aktiven Medienarbeit – etwa in Form von Foto-, Video- oder Radioprojekten – sind medienbiographische Methoden erfolgversprechend, etwa zur Thematisierung von Unterschieden und Gemeinsamkeiten der Kulturen.
  • Angesichts der oftmals prekären und unsicheren Wohnlagen von Geflüchteten ist es notwendig, dass aufsuchende Angebote und In-House-Angebote angeregt werden.
  • Um medienpädagogische Angebote erfolgreich durchzuführen, ist eine stabile medientechnische Infrastruktur Dabei kann an die vorhandene Ausstattung der Institutionen und der teilnehmenden Personen angeknüpft werden. Dennoch ist, um das gesamte Potenzial medienpädagogischer Arbeit auszuschöpfen, die technische Ausstattung der Einrichtungen im Hinblick auf die Notwendigkeiten einzelner Projekte anzupassen.
  • Weiterhin ist die Ausweitung von Initiativen zu Open Educational Resources, wie die Einrichtung von Freifunknetzen und die Nutzung von Open-Source-Anwendungen (Betriebssystemen, Software, Inhalte) zu fördern.

2. Qualitätsentwicklung und Nachhaltigkeit stärken

  • Medienpädagogische und -kulturelle Arbeit mit Geflüchteten ist häufig an Projektarbeit gebunden, die auf kurzfristige Laufzeiten angelegt ist. Geflüchtetenarbeit sowie interkulturelle und inklusive Medienkonzepte, erfordern jedoch einen erhöhten Organisations- und damit Zeitaufwand. Hierfür sind längerfristige Arbeitsgrundlagen nötig, um das komplexe Feld mit den vielen Querschnittsbereichen professionell bearbeiten zu können und verlässliche Strukturen aufzubauen.
  • Eine Möglichkeit für Qualitätsentwicklung und Transfer stellen koordinierte und vernetzte Länderinitiativen dar, in denen zentrale Medienbildungseinrichtungen eine Scharnierfunktion übernehmen und Aktivitäten auf Landesebene koordinieren. Dazu gehören die Vorstellung und Verbreitung guter Beispiele sowie medienpädagogische Qualifizierungen, die Multiplikator*innen wie Sozialpädagog*innen, Lehrer*innen und auch Ehrenamtliche für medienpädagogische Zugänge sensibilisieren. Themenbereiche der Fortbildungen wären etwa kultursensible Medienpädagogik, Kombination von kultur- und gendersensibler Medienarbeit, Sensibilisierung für eigene Vorurteile, Stereotype und (Macht-)Positionen, Umgang mit Traumata in der Medienarbeit.
  • Gleichzeitig bedarf es der Aus- und Weiterbildung des pädagogischen Personals im Hinblick auf medienpädagogische Fragestellungen im Kontext von Geflüchteten. Nur so kann die Qualität medienpädagogischer Arbeit sichergestellt werden. Auch dafür ist es erforderlich, Personal längerfristig für diesen Bereich vorzusehen.
  • Um die Qualitätsentwicklung bei Medienprojekten mit Geflüchteten zu gewährleisten, braucht es in Zusammenarbeit von Wissenschaft und Praxis die Entwicklung von Qualitätsmerkmalen und die wissenschaftliche Begleitung von Projekten. Förderprogramme sollten diese Qualitätssicherungsmaßnahmen als Bestandteile der Förderung integrieren.

3. Vernetzung und Transfer fördern

  • Medienarbeit mit Geflüchteten sollte verstärkt in einem Netzwerk von Institutionen durchgeführt werden (unter anderem in Zusammenarbeit mit Jugendarbeit, Sozialpädagogik, Schule, Fördereinrichtungen, interkulturellen Einrichtungen, lokalen Organisationen bis hin zu therapeutischen Einrichtungen, etwa in fachübergreifenden Tandems).
  • Ausbau und Kontinuität dieser Netzwerke müssen gefördert und Ressourcen bereitgestellt werden. Dazu gehört neben den wichtigen lokalen Netzwerken auch ein überregionaler Austausch von Medienprojekten, über Landesgrenzen hinweg, um die Erfahrungen breiter zu verankern und den Transfer von gelungenen Beispielen zu beschleunigen.
  • Bei Projektförderungen gilt es deshalb die Kooperationen und Vernetzungen stärker zu berücksichtigen und den Erfahrungsaustausch systematisch in der Arbeit zu verankern.

4. Zusätzliche Aufgaben lösen

  • Die Medienarbeit an Schulen bedarf besonderer Förderung, da hier noch immer zu wenige Aktivitäten entfaltet werden. Das liegt einerseits an der teils mangelnden medienpädagogischen Kompetenz der Lehrkräfte und andererseits an den Curricula, die anscheinend wenige Spielräume eröffnen. Insbesondere Willkommensklassen, aber auch Angebote im Ganztag stellen Möglichkeitsräume für medienpädagogische Projekte und Kooperationen dar, die stärker gefördert und unterstützt werden sollten.
  • Auch junge erwachsene Geflüchtete, die nicht institutionell eingebunden sind, stellen eine Zielgruppe dar, die sich für medienpädagogische Projekte gewinnen lässt, die aber bislang zu wenig gefördert wird.
  • Ehrenamtliche in die medienpädagogische Arbeit einzubinden, stellt eine große Chance der Verbreitung dar, die besondere Konzepte erfordert, da es sich um eine sehr heterogene Zielgruppe mit unterschiedlichen Bedürfnissen handelt. Dennoch wird die Einbeziehung dieser so wichtigen Gruppe für die Integration von Geflüchteten besonders lohnenswert sein. Dies bedarf lokal angepasster und spezifischer Ansprachen.
  • Ein weiteres Desiderat medienpädagogischer Arbeit mit Geflüchteten stellt der Bereich der beruflichen Bildung dar. Dabei bergen kompetenzorientierte medienpädagogische Zusatzangebote – etwa Sprachförderung oder Angebote zur Mediengestaltung – das Potenzial, Heranwachsenden Bildungschancen zu eröffnen und damit den Übergang in eine Berufsausbildung erfolgreich zu unterstützen.

5. Sichtbarkeit der Arbeit erhöhen

  • Eine zentrale mediale Plattform ist nötig, um die bereits vorhandenen Ansätze bekannter zu machen, zu vernetzen sowie gute und erprobte Konzepte für weitere Akteure nutzbar zu machen.
  • Um eine solche Plattform attraktiv und lebendig zu gestalten, bedarf es einer fortwährenden Aktualisierung und Weiterentwicklung.

Die GMK setzt sich dafür ein, diesen Prozess weiter zu begleiten und zu forcieren. Ziel ist es, zur Qualitätssicherung, Entwicklung, Vernetzung und Verbreitung guter Praxis der Medienpädagogik und Medienbildung mit und von geflüchteten Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen beizutragen.

Vorschau:
Im direkten Nachgang des 33. GMK Forums werden die Handlungsempfehlungen, eine Pressemeldung sowie als Startpunkt für den Blog zur medienpädagogischen Arbeit mit Geflüchteten 24 Projekt-Infos veröffentlicht. Geplant ist eine redaktionelle Fortführung des Blogs mit weiteren Modellen und medienpädagogischen Informationen zum Thema.

gmk@medienpaed.de
Ansprechpartnerinnen: Dr. Friederike von Gross, Renate Röllecke

Medienpraxis mit Geflüchteten

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